Das Ende der Personalarbeit – die Maschinen übernehmen?

Im Gespräch über Personalmanagement

Experte Jubin Honarfar (CEO, whatchado GmbH) im Gespräch mit Harald Rametsteiner (Leiter Master Lehrgang Digital Marketing) und Monika Kovarova-Simecek (Studiengangsleiterin  Master Studiengang Wirtschafts- und Finanzkommunikation):

Wie schätzen Sie die Entwicklung im Berufsfeld Personalmanagement ein? Welchen Einfluss hat die Digitalisierung in der Personalführung?

Ich war erst vor kurzem zur größten Job Board Konferenz Europas nach London eingeladen, wo ich beispielweise mit Google über genau diese Bedeutung diskutieren durfte. Eines ist gewiss: das exponentielle Wachstum hat dazu geführt, dass eine Generation mehrere Entwicklungszyklen erlebt. Früher hat eine Innovation über mehrere Generationen lang angehalten und wir konnten uns eher an diese gewöhnen bzw. sind damit sogar aufgewachsen. In der heutigen Zeit sieht die Welt jedoch anders aus. Mehrere Generationen erleben aktuell wie sich die Welt innerhalb von wenigen Jahren verändert und das macht uns Menschen Angst, denn Veränderung geht immer mit Unsicherheit einher. Und viele von uns haben Angst, weil niemand beispielsweise die Frage beantworten kann, welche Rolle künstliche Intelligenz tatsächlich spielen wird. Wir sind aber auch die Meister darin mit Buzz Words um uns zu schmeißen, ohne die Bedeutung zu kennen: Blockchain, AI, machine learning, um nur einige zu nennen.

Außerdem wird aktuell auch heißer gekocht als gegessen, denn AI ist noch lange nicht so weit wie wir es aus Filmen kennen. Einfaches Beispiel: ein Start Up aus den USA hat den leidigen Vorgang der Reisespesenabrechnungen vereinfacht und hat die Innovation geritten, dass Belege automatisch ausgelesen, zugewiesen und ausgewertet werden – machine learning eben. Tatsächlich haben sie aber sehr viele Menschen beschäftigt, die diese Belege per Hand ausgewertet haben. Aber die Story nach AI lässt sich eben besser vermarkten. Jedoch ist eines festzuhalten: die Rolle des Menschen wird gerade in diesen Zeiten immens bedeutend! Wir müssen wieder beginnen die Mitarbeiterinnen in den Mittelpunkt zu rücken und nicht die Maschinen als Heilsbringer zu verkaufen. Die Personalarbeit kann Tools einsetzen, die das Leben vereinfachen, aber die Personalarbeit selbst über Maschinen laufen zu lassen, halte ich für durchwegs falsch. Es gibt Befürworter, die behaupten, dass der Mensch immer von Vorurteilen begleitet wird und wir deshalb nicht objektiv beurteilen können, beispielsweise im Recruiting, und dadurch falsche Entscheidungen treffen.

Auch hier gibt es ein gutes Beispiel aus den USA. Ein Unternehmen hat die Auswahl der MitarbeiterInnen von einer Maschine durchführen lassen. Die Maschine musste natürlich mit Daten der Vergangenheit gefüttert werden, um ein passendes Ergebnis anhand von Daten liefern zu können, ohne Vorurteile. Nur muss halt auch bedacht werden, dass Daten, die aktuell noch immer von Menschen ausgesucht und eingepflegt werden, gewisse Parameter beinhalten können, die zu Diskriminierung führen. In dem Beispiel wollte das Unternehmen die Fluktuation senken, indem es passende Mitarbeiterinnen auswählt und hat hierfür evaluiert, was der Grund der hohen Fluktuation war. Die Auswertung hat ergeben, dass MitarbeiterInnen, die aus der Vorstadt einen langen Anfahrtsweg hatten, eine höhere Wahrscheinlichkeit hatten das Unternehmen zu verlassen, als jene, die bereits in der Stadt – also näher zum Unternehmen – lebten. Die Maschine hat also diese Daten berücksichtigt und eher Bewerber empfohlen, die in der Stadt leben. Das Problem hierbei aber: die Bewerber aus den Vorstädten, die Hispanics waren, wurden somit automatisch außen vorgelassen und es kam zu einer Diskriminierung, obwohl das so nicht gewollt war.

Kurzum: die Rolle des Personalverantwortlichen ist bedeutender denn je. Es geht um die Weiterentwicklung von Menschen als auch das Erkennen und Einführen von Maßnahmen, um MitarbeiterInnen umzuschulen und auf Veränderungen vorzubereiten. Diesen Weitblick müssen wir im Personalbereich entwickeln, denn wir sind nicht mehr in der Verwaltungsrolle.

Welchen Stellenwert hat die Ausbildung im Bereich Personal?

Wie oben bereits erwähnt: Wer Lust an der Arbeit mit Menschen hat und dafür Sorge tragen möchte, dass Organisationen fit für die Zukunft sind, der muss ins Personal gehen. Dort wird es bald viel größere Hebel geben als man es vermutet bzw. von der Vergangenheit her kennt. Die Zeiten, in denen der Vorstand die Strategie ohne den Personalverantwortlichen plant, sind bald vorbei. Denn ansonsten kann ich meine Strategie gleichsetzen mit einer Bankrotterklärung.

Welche fachlichen und digitalen Anforderungen haben Sie an junge Nachwuchskräfte für den Einstieg in der Branche?

Der Personalbereich kann wie ein Krankenhaus gesehen werden. Es gibt nicht nur eine Fachkraft für alle Patienten, sondern unterschiedliche Spezialisten und dann auch noch viele Generalisten. Idealerweise gibt es Traineeships im Personalbereich, um die Talente und Stärken zu schärfen und identifizieren zu können, damit man sich auf einen Bereich fokussieren kann. Die benötigten Fähigkeiten im Personalmarketing sind andere als in der Personalentwicklung beispielsweise. Was jedoch alle sich für die Zukunft aneignen sollten, ist ein Basiswissen in der Programmierung, da die Welt immer abhängiger davon werden wird. Und da kann ich mich einfach differenzieren, wenn ich bspw. weiß, wie meine Karriereseite aufgebaut ist und welche Möglichkeiten diese hat und mich nicht rein von meiner IT abhängig machen muss.

Welche Karrieremöglichkeiten gibt es im Berufsfeld Personalmanagement?

Das Feld ist mittlerweile sehr breit. Personalmarketing (wie vermarkte ich mich als Arbeitgeber), Personalentwicklung (wie entwickle ich meine MitarbeiterInnen und mache sie fit für die Zukunft), Recruiting und Active Sourcing (wo finde ich meine potentiellen MitarbeiterInnen). Und in allen Bereichen kann ich mich weiter spezialisieren. Das ist der Grund warum ich dafür plädiere, dass nach dem Studium ein Traineeship im Personalmanagement durchaus Sinn machen würde, um mein Skillset, aber auch meine Ausrichtung zu schärfen.

Gibt es für Sie als Experte einen aktuell besonders hilfreichen Tipp für Erfolg in der Personalführung im Umfeld der digitalen Transformation?

Anpassungsfähigkeit! Die Zeiten der Konsistenz sind durchaus vorbei. Ich muss in der Lage sein, mich und mein Selbst im Umfeld dieser Veränderung neu zu bewerten, um mich an neue Gegebenheiten anpassen zu können. Nur weil ich etwas immer so gemacht habe, bedeutet das nicht mehr, dass ich es weiter so machen kann. Ich muss anpassungsfähig sein als auch offen für neue Sicht- und Denkweisen.


Über die Unternehmen

Die Fachhochschule St. Pölten legt großes Gewicht auf die Entwicklung der digitalen Kompetenzen der Studierenden. Die Studiengänge Management & Digital Business (Bachelor) und  Wirtschafts- und Finanzkommunikation (Master) bzw. der Master Lehrgang Digital Marketing vermitteln durch praxisnahe Aus- und Weiterbildung wirtschaftliche und digitale Fähigkeiten als Grundlage für Karriere im Management. Mehr zum Thema Wirtschaft studieren auf der FH St. Pölten finden Sie hier.

whatchado GmbH zeigt jungen Menschen die Vielfalt an Berufsmöglichkeiten und hilft den perfekten Beruf zu finden, indem sie in Form von Videostorys die Geschichte von Menschen in unterschiedlichen Berufsfeldern und Karriereleveln erzählen. Mehr Informationen: www.whatchado.com

Fotocredits: Jubin Honarfar

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